Time flies. Jetzt ist die IAA Mobility in München schon wieder ein paar Wochen her und ich hab vor lauter Kopfhörer- und Lautsprecher-Tests noch gar nicht meine Impressionen geschildert. Was das Thema Sound im Auto betrifft, führt derzeit kein Weg an Dolby Atmos vorbei. Nachdem ich kürzlich schon zahlreiche Mercedes-Modelle mit dem immersiven 3D-Klang aus dem Kino auf der Straße erleben konnte, gab es in München neue Eindrücke im Audi Q8 mit einem immersiven B&O-System und einem Prototypen auf BMW-Basis, der viele überraschen dürfte. Die aufziehenden Veränderungen haben das Potenzial, einen Audiophilen über Berufs- und Ortswechsel nachdenken zu lassen. Mehr dazu im folgenden Messebericht.
Die Präsentation im Demo-Fahrzeug von Arkamys und dem Heilbronner Kopfhörer-Spezialisten Beyerdynamic konnte ich leider noch nicht hören. Aber ich finde es spannend, dass nach Sennheiser ein weiterer deutscher Headphone-Spezialist zum Sprung ins Auto ansetzt. Die Hannoveraner kooperieren mit Morgan und Cupra, denen sie mit dem Klang-Setup und dem User-Interface zuarbeiten. Im letzten Jahr konnte ich mir am Firmensitz in Wedemark einen Eindruck von Sound-System im Morgan Plus Four und diversen Cupras machen.
Higher Dynamik mit Beyerdynamic


Was Beyerdynamic betrifft, steckt der automobile Aufbruch noch in den Kinderschuhen. Auf der Messe präsentierten Arkamys und Beyerdynamic erstmals ihr gemeinsames In-Car-Audio-Konzept, das die Software-Kompetenz der Franzosen mit der markanten Klangsignatur des Heilbronner Traditionsherstellers verbindet. Statt auf neue Hardware zu setzen, nutzt das System die bestehende Fahrzeug-Infrastruktur und optimiert die Akustik über zentrale Signalverarbeitung in Echtzeit. Drei Klangmodi – Studio, Podcast und Live – erlauben eine flexible Anpassung an unterschiedliche Hörbedürfnisse, während Nutzer Parameter wie Bassintensität oder Raumwirkung individuell feinjustieren können.
Für Beyerdynamic markiert das Projekt den Einstieg in die Automobilwelt: Nach Jahrzehnten im Studio- und Kopfhörerbereich will die Marke ihre audiophile Handschrift nun auch auf die Straße bringen. Noch handelt es sich um ein Showpiece ohne Serienpläne, doch die Demo im Messfahrzeug verdeutlicht, welches Potenzial die Allianz von Studio-DNA und intelligenter Software für künftige In-Car-Erlebnisse bietet. Leider ließ mein knapper Zeitrahmen auf der über die ganze Stadt verteilten IAA Mobility keinen Besuch der Vorführung zu. Das werden wir aber bei nächster Gelegenheit an einem anderen Ort nachholen.
Mehr Gaudi im Audi






Während es noch ein weiter Weg für das Konzept auf die Straße ist, kann man den im Rahmen eines Dolby-Events gezeigten Audi Q8 schon kaufen. Das Dolby-Atmos-taugliche Bang & Olufsen Premium Soundsystem mit 3D-Klang kann man für rund 1.200 Euro Aufpreis ab Werk dazu bestellen. Dafür bekommt man 17 Lautsprecher inklusive 3D-Speakern, Centerspeaker und Subwoofer mit einem 16-Kanal-Verstärker mit einer Gesamtleistung von 730 Watt. Mehr zu Audi und Atmos demnächst, denn ich habe nach der verheißungsvollen Vorstellung in München direkt den neuen A6 e-tron zum Test angefordert.
Piega mit Doppelnieren-Charakteristik
Was mich aber fast weggeblasen hat, war das Konzeptfahrzeug, das Dirac und Piega auf die Räder gestellt haben. Die Lautsprecher-Spezialisten vom Zürichsee sind bisher noch nicht im Auto in Erscheinung getreten, haben aber mit ihren Bändchen-Hochtönern und den Koaxial-Chassis gewisse Pretiosen im Programm, die sie für Automobilhersteller sehr begehrenswert machen.



Ein Freund, der an den Sound-Systemen in diversen britischen Nobel-Karossen beteiligt war und zu Hause ein 5.1-System mit Piega-Boxen betreibt, hatte immer davon geträumt. Und jetzt sieht es fast so aus, als könnten seine Träume wahr werden. Ob in einem Fahrzeug der BMW Group sei dahingestellt. Schließlich bietet der zum Demo-Car umgebaute BMW iX (hier geht es zu unserem Test mit dem Bowers & Wilkins Diamond Sound-System) mit seinem großzügigen Innenraum günstige Bedingungen für ein aufwändiges Lautsprecher-Arrangement. Schließlich sind große Teile der Innenraumverkleidungen mit Stoff bezogen, was einen positiven Einfluss auf den Klang hat.
Die Partnerschaft aus Dirac und Piega brachte 45 Lautsprecher in dem Elektro-SUV unter. Dabei musste man suchen, um diese zu entdecken. Rein von der Publicity-Seite her ist der iX eher ungünstig, denn die vorderen Tür-Lautsprecher sitzen ganz dezent hinter einer Stoffverkleidung. Deshalb musste ich schon etwas suchen, um ein Piega-Logo auf einem Lautsprecher für ein Symbolbild zu entdecken. Leider fanden sich diese in verwinkelten Ecken, was natürlich nicht so repräsentativ aussieht. Aber es soll ja auch vorerst einmal nur klanglich demonstrieren, was möglich wäre.
Die Qual der Wahl
Im Projektfahrzeug reichten die Konfigurationen von einem 19-Kanal-Setup mit Magnetostaten bis zu einer 40-Kanal-Version mit Coax-Punktschallquellen. Im BMW iX konnten die überwiegend aus der Branche stammenden Messebesucher im Hof der MSM Studios erleben, wie die Klangbühne je nach Ausbaustufe wächst und sich mit Diracs MIMO-Steuerung zu einem homogenen Klangfeld verbindet. Präsentiert wurde das modulare Konzept exklusiv im Rahmen der IAA Mobility in den MSM Studios München – ein Premiere-Schaufenster sowohl für PIEGAs Transducer im Auto als auch für Diracs skalierbare Audioarchitektur.
Schon das kleinste Setup ließ mit seinen „nur“ 19 Kanälen aufhorchen. Die Anlage bot alles, was Audiophile lieben: höchste Homogenität, feine Auflösung ohne jegliche Schärfe und ein sehr solides, sauberes und kräftiges Bass-Fundament. Dazu eine sehr breite und tiefe Hörbühne. Mit dem Aktivieren der 40-Kanal-Version mit ihren Coax-Punktstrahlern für den Mittel-HochtonBereich kam dann richtig Konzertstimmung auf. Ich hatte das Gefühl, in einer Loge zu sitzen und auf die Konzertbühne zu blicken.
Carreras gibt Vollgas
Als der mit einem Laptop im Fond sitzende Chefentwickler Roger Kessler dann schließlich José Carreras auflegte, gab es in der ersten Reihe feuchte Augen. Neben mir saß da noch ein alter Hase, dessen Werke ich unter anderem beim „schnellsten Hörtest“ bei über 300 Sachen für die Zeitschrift sport auto erleben und bewerten konnte: Armin Hoh, früher Entwickler bei Harman Automotive, jetzt beim schwedischen Software-Spezialisten Dirac. Schwer zusagen, wer von uns in diesem Demo-Fahrzeug nach der Vorstellung das breitere Grinsen hatte.

Die gemeinsame Demo von Dirac und Piega zeigte eindrucksvoll, wie sich hochentwickelte Software-Optimierung und spezialisierte Lautsprechertechnik im Auto ergänzen können. Dirac steuert mit AudioIQ eine Cabin-Optimierung bei, die für Setups mit über 30 Kanälen ausgelegt ist und Frequenzgang, Impulsantworten sowie aktive Weichen in Echtzeit korrigiert. Mit Dirac Dimensions kommt zudem ein Spatial-Upmixing zum Einsatz, das Stereoquellen in immersive Mehrkanal-Erlebnisse verwandelt.
Wenn die Dienstreise zur Lustreise wird
Piega will erstmals seine Bändchen- und Coax-Technologien ins Automobil bringen. Für einen Auserwählten ist der Traum bereits Realität: Als Demo-Fahrzeug nahmen die Schweizer einfach den Elektro-Firmenwagen eines Vertriebsmitarbeiters. Nun sind Journalisten idealerweise keine guten Verkäufer. Doch wenn es je eine Verlockung gab, die Seiten zu wechseln, dann dieses Incentive. Glaube, da könnte ich Reichweitenangst und die Bevorzugung kleiner Nieren im Stil der Neuen Klasse glatt ablegen.

Spaß beiseite: Diese Demo hat mich schwer beeindruckt. Und mit etwas Geduld gibt es gute Chancen, in nicht so ferner Zukunft auch ganz ohne beruflichen Seitenwechsel ein Piega-Sound-System in der Austattungsliste eines Oberklasse-Automobils ankreuzen beziehungsweise im Konfigurator ein Häkchen setzen. Wichtigstes Indiz außer Branchengetuschel: Roger Kessler zeigte mir bereits einen für Autoverhältnisse optimierten Piega-Bändchen-Hochtöner. Allein der an einem kurzen Kabel platzierte Stecker im typischen Automotive-Design unterstreicht, wie weit das Projekt schon gediehen ist.
Atmos ist angesagt
Und sollte im Hintergrund doch eine über den Dienstwagen hinausgehende BMW-Verbindung des Projekts bestehen, würde es auch Sinn machen: Denn die Münchner glänzen bisher beim Thema Dolby Atmos auf Achse durch Abwesenheit. Porsche bringt die 3D-Immersive-Audio-Technologie durch PCM-Softwareupdate in die Autos, Mercedes-Modelle quer durch das Programm der Schwaben konnte ich kürzlich schon auf der Straße auskosten und Audi hat seine Mitgliedschaft im Club ebenfalls vor einigen Monaten für einige Baureihen verkündet. Nicht zu vergessen Volvo und Polestar, die in ihren, auch gleicher Plattform aufbauenden Elektro-SUVs EX90 und Polestar 3 bereits Dolby Atmos erfolgreich integriert haben. Der Polestar führt aktuell unsere Bestenliste an, der Volvo EX90 steht daneben und der Hybrid XC90 würde knapp darunter stehen, wenn ich endlich mal dazu käme, den Bericht zu verfassen – Asche über mein Haupt.



Nord-Komplott aufgedeckt
Volvo ist für mich beim Thema Zukunfts-Musik ohnehin eine feste Größe. Das hat mir auch gerade wieder diese IAA Mobility gezeigt: Volvo baut über alle Klassen hinweg die begehrtesten Basis-Fahrzeuge für futuristische Demo-Cars. Sennheiser hatte im letzten Jahr für seinen Stunt mit unterschiedlichen Hörzonen innerhalb der Fahrgastkabine – derzeit hinter den Kulissen DAS Thema für die unterschiedlichen Anbieter – einen XC90 verwendet. Und auch auf den Präsentation von Dolby und Dirac tummelten sich auffallend viele Volvos. Etwa in einer Demonstration eines 3D-Upmixers von Dirac im XC90, über den wir bereits auf der High End Messe in München berichtet haben.


Das ist quasi ein Ritterschlag in vielerlei Hinsicht: Mit ihren akustisch günstigen Kabinen und der vorbildlichen Integration hochwertiger Bowers-&-Wilkins-Lautsprecher sind die im Umgang mit der Dirac-Software virtuosen Schweden (abgesehen von Exoten wie dem McLaren Artura) State of the Art. Doch die vielleicht größte Überraschung neben dem eidgenössischen Dienstwagen mit Münchner Migrationshintergrund war ausgerechnet die Low-Budget-Lösung im Volvo EX30, der serienmäßig wie in unserem Testbericht mit einem relativ simplen Harman-Kardon-Sound-System aufhorchen ließ.
In dem Fall war die serienmäßige Soundbar-Lösung einer Hand von Lautsprechern gewichen und es gab auch einen anderen Subwoofer, der vom Kofferraum in den Fahrgastraum verlegt wurde. In Verbindung mit Dolby Atmos war das großes Kino. Wir dürfen also gespannt sein, was die nächsten Jahre auf die Straße kommt. Doch eines ist klar: Während die IAA Mobility 2025 noch keine Klarheit bei den, maßgeblich von der Politik beeinflussten Antriebskonzepten brachte, zeichnet sich in Sachen Car-Audio ein klarer Trend ab: Immersive Audio, vulgo 3D-Sound, macht das Rennen.






