Mit einem Premierenevent in der Erfurter Zentralheize hat Mercedes-Benz Ende Februar 2026 offiziell den Serieneinsatz der 3D-Audiotechnologie des Fraunhofer IDMT gefeiert. Was bislang unter dem Namen „SpatialSound Wave“ lief, firmiert künftig als Audiofields. Die, auf Basis jahrzehntelanger Erfahrung bei Fraunhofer im benachbarten Illmenau entwickelte Technologie soll räumlichen Klang nicht nur im High-End-System, sondern quer durch die Modellpalette erlebbar machen.
Vertreter aus Politik, Forschung und Industrie waren angereist, darunter der Thüringer Wissenschaftsminister Christian Tischner, Fraunhofer-Präsident Prof. Holger Hanselka sowie Entwicklungsverantwortliche von Mercedes-Benz und Burmester. Der Tenor: gelungener Technologietransfer von der Forschung in die Großserie.


Vom Forschungsinstitut ins Serienfahrzeug
Das Fraunhofer IDMT in Ilmenau beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit räumlicher Audiowiedergabe. Zunächst fand man die Lösungen in Theatern, Opernhäusern, Planetarien und professionellen Beschallungssystemen. Bereits 2007 begann Fraunhofer mit Partnern wie Audi, die Technologie für den Automotive-Bereich anzupassen. So konnte ich mir schon vor über 10 Jahren ein Bild von einem auf Basis der Wellenfeldsynthese erstellten Audio-System mit 64 rundum angeordneten Lautsprechern im Audi-Q7-Versuchsfahrzeug in Illmenau machen.
Seit 2021 wurde der Algorithmus gemeinsam mit Mercedes-Benz und Burmester gezielt für den Fahrzeugeinsatz optimiert. Entscheidende Herausforderungen waren laut Entwicklern die begrenzte Rechenleistung, die Integration in bestehende Prozessorarchitekturen sowie die Kostenstruktur der Serienfertigung. 2025 gelang schließlich die erste Integration in den vollelektrischen Mercedes-Benz CLA.
Mit der Umbenennung in „Audiofields“ positioniert Fraunhofer die Technologie nun breiter. Und zwar nicht nur als 3D-Musikaufwertung, sondern als Plattform für objektbasierte Klangsteuerung im Fahrzeug.

3D-Sound für alle – unabhängig vom Soundsystem
Bemerkenswert finde ich den Ansatz, den Algorithmus nicht exklusiv an High-End-Anlagen zu binden. Audiofields ist sowohl in Fahrzeugen mit Premium- oder High-End-Burmester-System als auch in Mercedes-Modellen mit der vierten Generation des Infotainmentsystems MBUX verfügbar.
Über einen Regler im Menü lässt sich die räumliche Erweiterung stufenlos einstellen: von dezentem Raumgefühl bis hin zu deutlich wahrnehmbarer Weitung der Bühne. Dabei wird herkömmliches Stereo-Material analysiert und so verarbeitet, dass sich Klangquellen subjektiv von den Lautsprechern lösen. Im persönlichen Gespräch verriet mir der stets zu Scherzen aufgelegte Christoph Sladeczek, Leiter Forschungsbereich Smart Acoustic Solutions am Fraunhofer IDMT, dass es hinter den Kulissen ganz schön Mühe gemacht hat, die geballte Technologie für Endverbraucher mit einem einzigen virtuellen Slider auf dem Zentraldisplay konfigurierbar zu machen.
Eigene Eindrücke: CLA Standard vs. GLC mit Burmester
STEREO GUIDE konnte das neue Verfahren im Rahmen der Premiere in zwei Fahrzeugen ausprobieren: einem Mercedes CLA mit Standard-Audiosystem sowie einem GLC mit Burmester 4D-High-End-System mit 19 Lautsprechern, zwei Excitern in den Vordersitzen und 750 Watt.



Im CLA mit Basissystem zeigt sich zunächst, wie stark der Algorithmus die vorhandene Hardware in Hinblick auf Bühnenabbildung und 3D-Surround-Klang aufwertet. Die räumliche Erweiterung in alle drei Dimensionen ist klar hörbar: Stimmen treten etwas freier in den Vordergrund, Instrumente lösen sich stärker von der Lautsprecherposition. Allerdings bleibt die physikalische Basis – Limits in Bass-Punch, Pegel und Zartheit bei Stimmen – naturgemäß bestehen. Audiofields erzeilt aber eine hörbar luftigere Darstellung. Unterm Strich ergibt das so ziemlich das Beste, das man sich gerade in dieser Fahrzeugklasse als Standrad-Audio-Lösung wünschen kann.
Im GLC mit Burmester-HiFi wirkt der Effekt noch souveräner. Hier profitiert die Technologie von höherer Leistungsreserve, mehr Kanälen und besseren Treibern. Schon bei moderater Einstellung entsteht ein glaubwürdiger Zugewinn an Tiefe und Breite, ohne dass Stimmen unnatürlich aufgebläht oder Hallanteile künstlich wirken. Selbst wenn ich den Raumklang-Slider auf dem Display ganz nach rechts aufdrehte, kam es nicht zu jenem halligen „Waschküchen-Sound“, den man von vielen weniger ausgeklügelten Raumklang-Algorithmen kennt.
Interessant ist, dass das System nicht primär auf spektakuläre Überkopf-Effekte zielt, sondern auf eine gleichmäßige räumliche Erweiterung des klassischen Stereobildes im schwierigen Fahrzeugumfeld. Gerade im Auto, wo Lautsprecher asymmetrisch verteilt sind und Reflexionen dominieren, kann eine solche algorithmische Korrektur hörbare Vorteile bringen.
Mehr als Musik: Perspektiven für Assistenz- und Warnsysteme
Audiofields versteht sich ausdrücklich nicht nur als Musik-Enhancer. Die objektbasierte Struktur erlaubt perspektivisch die präzise Positionierung von Signal- und Bedienklängen. Navigationshinweise könnten künftig richtungsgenau aus der entsprechenden Fahrtrichtung ertönen, Warnhinweise räumlich klar zugeordnet werden.
Damit verschiebt sich der Fokus vom reinen Entertainment hin zu funktionalem Sounddesign – ein Feld, das im Zeitalter zunehmend automatisierter Fahrzeuge an Bedeutung gewinnt.
Der Anfang ist gemacht
Mit Audiofields gelingt Fraunhofer und Mercedes-Benz ein bemerkenswerter Schritt: Die Demokratisierung von 3D-Klang über verschiedene Ausstattungsstufen hinweg. Während viele immersive Audioansätze hardwareintensiv bleiben, setzt Audiofields auf algorithmische Intelligenz und effiziente Integration. Wo bei frühen Prototypen noch ein ganzer Kofferraum voller Rechner nötig war, passt die Software von Audiofields in die vorhandenen DSP-Verstärker der Car-Audio-Systeme von Mercedes Benz.

Den Anfang machen die Modelle CLA, GLC, GLB und S-Klasse. Doch bereits jetzt steht fest, dass weitere Baureihen der Schwaben folgen. Dabei drängte sich eine zentrale Frage auf, denn ich bekam die Einladung zur Premiere kurz nach einer Veranstaltung von Mercedes Benz und Dolby (hier geht es zu unserem Bericht), wo die beiden Partner stolz ihre Atmos-Lösungen für sämtliche Baureihen präsentierten. Doch das aus guten Kinos und Heimkinos bekannte Dolby-Atmos-Verfahren und Audiofields stehen nicht in Konkurrenz zu einander. Vielmehr soll der Fraunhofer-Algorithmus sogar auf den objektbasierten Mehrkanal-Aufnahmen mit Dolby Atmos aufbauen können.
Leider fehlte im Dolby-Atmos-tauglichen GLC mit Burmester-High-End-Sound-System eine App, etwa von Amazon Music Unlimited, Tidal oder Apple Music, um die entsprechend codierte Musik ins Fahrzeug zu streamen.
Der Schritt vom Forschnungslabor ins Serienfahrzeug ist jedenfalls vollzogen. Und er zeigt, dass das Auto akustisch längst mehr ist als ein reiner Transportmittel. Es wird gerade auch im Premiumsegment zunehmend zum individuell gestaltbaren Hörraum.
Wie funktioniert Audiofields?
Audiofields basiert auf einem objektbasierten Signalverarbeitungsansatz. Anders als klassische Surround-Upmixer, die das Stereosignal primär über Pegel- und Laufzeitmanipulation verbreitern, analysiert der Fraunhofer-Algorithmus das Eingangssignal in Echtzeit hinsichtlich spektraler, dynamischer und räumlicher Merkmale.
Vereinfacht gesagt erkennt das System klangliche Strukturen. Dazu zählen etwa dominante Stimmen, perkussive Impulse oder räumliche Hallanteile – und modelliert daraus zusätzliche räumliche Ebenen. Diese werden so auf die vorhandenen Lautsprecher verteilt, dass eine erweiterte Tiefen- und Breitenwahrnehmung entsteht, ohne dass einzelne Kanäle künstlich isoliert wirken.




Klang als Opjekt
Wichtig: Audiofields erzeugt keine diskreten Surround-Kanäle im klassischen Sinn. Vielmehr wird das bestehende Stereosignal psychoakustisch so transformiert, dass sich Klangquellen subjektiv von den Lautsprecherpositionen lösen. Dabei bleiben Phasenstabilität und Monokompatibilität erhalten. Das ist ein entscheidender Punkt im Fahrzeug, wo Sitzposition und Reflexionsverhältnisse stark variieren.
Für den Serieneinsatz musste der Algorithmus massiv optimiert werden. Während stationäre 3D-Systeme in Theatern oder Studios auf dedizierte Recheneinheiten zugreifen, läuft Audiofields im Fahrzeug auf vorhandenen Automotive-Prozessoren, die parallel zahlreiche weitere Audio- und Fahrzeugsysteme bedienen. Effizienz und Latenzminimierung waren daher zentrale Entwicklungsziele.
Die langfristige Perspektive geht wie bereits erwähnt, über Musik hinaus: Da das System objektbasiert arbeitet, können einzelne Klangereignisse gezielt im Raum positioniert werden. Das eröffnet Potenzial für richtungsgenaue Warnhinweise, differenziertes Sounddesign autonomer Fahrfunktionen oder personalisierte akustische Zonen im Innenraum. Wir bleiben dran am Thema 3D-Sound im Mercedes und werden bei Gelegenheit Fraunhofer Audiofields einmal auf der Straße testen.






