Kürzlich durfte mein Auto Fahrstuhl fahren. Der Weg in die Tiefgarage von Cinemo führt über einen Lastenaufzug, der kaum größer ist, als ein PKW. Dergleichen hatte ich nur Mitte der 90er in Budapest erlebt. So war es nicht nur ein ausgesprochen origineller Auttakt für die Cinemo Press Days, auf denen der im Verborgen wirkende Software-Spezialist einer breiteren Öffentlichkeit einige spannende Projekte zeigen wollte. Das Prozedere stand auch symbolisch für die Mission hinter den Entwicklungen: Cinemo will damit das Autofahren mit grenzenlosen Streaming-Möglichkeiten auf ein neues Level heben.
Die Geschichte des Unternehmens beginnt bereits zu Neros Zeiten. Aber nicht bei dem römischen Kaiser, der seine Hauptstadt in Flammen aufgehen ließ, sondern 1994 bei der nach ihm benannten Softwareschmiede, deren genialen Claim manche wohl nie vergessen werden: „Nero – Burning ROM“. Nero war DAS Programm der Wahl, um seinerzeit CDs oder DVDs zu brennen. Cinemo ist ein Spin-off der ebenfalls in Karlsruhe beheimateten Firma. Dort entwickelt ein Team von Spezialisten Lösungen für In-Car-Entertainment und fürs Connected Home.
Der Gründer von Nero, Richard Lesser, stand dem Unternehmen bis 2008 als CEO vor und leitet jetzt die Geschicke des neuen Unternehmens, das sich in Karlsruhe auch wegen der direkten Nähe zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT) gut aufgehoben fühlt. Der strapazierte Begriff „Hidden Champion“, der für viele mittelständische Unternehmen in Deutschland gilt, trifft bei Cinemo ganz besonders den Punkt. Die Karlsruher schweigen sich zwar über ihre Kunden weitgehend aus, arbeiten aber mit Herstellern wie Škoda, Renault und zahlreichen weiteren Unternehmen der Automobilindustrie zusammen, um Audio- und Video-Streaming auf ein neues Level zu heben. Was sie uns im Rahmen eines Pressetags in den Räumen des Unternehmens zeigten, weckt jedenfalls hohe Erwartungen.
Vom DVD-Brenner zur Automotive-Software
Die Ursprünge von Cinemo liegen tief in der Multimedia-Technologie. Schon zu Nero-Zeiten beschäftigte man sich intensiv mit Themen wie Video-Playback, Audio-Verarbeitung und Medienmanagement über unterschiedlichste Codecs hinweg. Genau diese Kompetenzen führten schließlich dazu, dass Automobilhersteller auf das Unternehmen aufmerksam wurden.
Denn moderne Fahrzeuge entwickelten sich zunehmend zu rollenden Entertainment-Zentralen. Blu-ray-Wiedergabe, Medienverwaltung, Smartphone-Integration und später Streaming-Dienste stellten Anforderungen, die klassische Automotive-Zulieferer damals oft noch nicht lösen konnten. Genau hier entstand 2008 Cinemo als eigenständiges Unternehmen.
Heute arbeiten mehr als 300 Mitarbeiter aus über 40 Nationen für die Karlsruher, rund 80 Prozent davon als Software-Ingenieure. Die technische Orientierung ist im gesamten Unternehmen spürbar. Im Mittelpunkt stehen stabile, skalierbare und gleichzeitig hochflexible Software-Lösungen, die in Fahrzeugen weltweit zuverlässig funktionieren müssen.
Software von Cinemo steckt in jedem dritten Auto
Wie groß der Einfluss von Cinemo inzwischen geworden ist, überrascht selbst Branchenkenner. Mehr als 180 Millionen Fahrzeuge weltweit nutzen bereits Technologien der Karlsruher. Über 40 OEM-Partner setzen auf die Software-Lösungen des Unternehmens, darunter Hersteller wie Mercedes-Benz, Hyundai, Renault, Škoda oder NIO. Rechnerisch steckt damit in etwa jedem dritten weltweit fahrenden Auto Software von Cinemo. Besonders bemerkenswert: Vielen Nutzern dürfte gar nicht bewusst sein, dass sie täglich mit Lösungen des Unternehmens interagieren. Denn Cinemo arbeitet meist unsichtbar im Hintergrund.
Die Karlsruher liefern beispielsweise Technologien für:
- Medienmanagement
- Video-Wiedergabe
- Smartphone-Projektion
- Apple CarPlay
- Android Automotive
- Multi-Screen-Systeme
- Cloud-basierte Medienintegration
- Dolby-Atmos-Integration
- KI-gestützte Mediensteuerung
Innovationen seit 2009
Die Entwicklungsgeschichte von Cinemo liest sich fast wie eine Chronik moderner Automotive-Infotainmentsysteme. Bereits 2009 entwickelte das Unternehmen die erste digitale Automotive-Medialösung mit interoperabler Zusammenarbeit zwischen Betriebssystemen und SoCs. 2011 folgte die erste vollständig softwarebasierte Multiscreen-Lösung für kinoähnliche Erlebnisse im Fahrzeug.
2012 präsentierte Cinemo eine ultraschnelle Media-Management-Lösung, die Inhalte gleichzeitig durchsuchen und indizieren konnte. Ein Jahr später entstand die erste sogenannte „Built-to-Order“-Architektur. Damit konnten Fahrzeughersteller Funktionen deutlich flexibler konfigurieren und individuell anpassen.
2016 brachte Cinemo das erste cloudbasierte Content-System im Automotive-Bereich auf den Markt, das sich über ein einziges Software-Interface steuern ließ. 2019 folgte eine Backend-Infrastruktur, bei der Musikdienste aktualisiert werden können, ohne dass die Fahrzeugsoftware selbst ein Update benötigt.
Später kamen hardwarebeschleunigte Embedded-Browser, plattformübergreifendes Screen-Mirroring für Premium-Inhalte und schließlich KI-gestützte Medien-Erkennungssysteme hinzu.
Cinemo CORE, CARS und Cloud Services
Technisch unterteilt Cinemo sein Portfolio heute in mehrere Bereiche. Besonders wichtig ist dabei Cinemo CORE. Dahinter verbirgt sich eine flexible Middleware-Plattform für Multimedia-Anwendungen. Vereinfacht gesagt erhalten OEM-Partner damit einen modularen Werkzeugkasten, aus dem sie genau jene Funktionen auswählen können, die sie für ihre jeweilige Fahrzeugplattform benötigen.
Darauf aufbauend erweitert Cinemo CARS insbesondere Android Automotive OS um zusätzliche Multimedia- und Integrationsfunktionen. Gerade bei Themen wie Bring Your Own Device, Premium-Audio oder Dolby Atmos stößt Googles Standardplattform häufig an Grenzen. Cinemo liefert hier zusätzliche Software-Ebenen, mit denen sich Fahrzeughersteller differenzieren können.
Besonders spannend wirken die Cinemo Cloud Services. Statt Apps und Inhalte lokal im Fahrzeug zu aktualisieren, werden viele Funktionen direkt aus der Cloud verwaltet. Dadurch lassen sich neue Features oder regionale Anpassungen oft ohne klassisches Software-Update bereitstellen.


Vom Auto ins Wohnzimmer
Doch Cinemo denkt längst über das Fahrzeug hinaus. Die Karlsruher wollen ihre Technologien künftig verstärkt auch ins Connected Home bringen. Die Idee dahinter: Medien sollen sich künftig völlig nahtlos zwischen Auto und Zuhause bewegen.
Ein typisches Beispiel: Ein Nutzer hört zuhause ein Album und setzt die Wiedergabe später im Auto exakt an derselben Stelle fort. Technisch klingt das zunächst simpel, tatsächlich steckt dahinter aber eine hochkomplexe Synchronisation unterschiedlichster Plattformen, Dienste und Cloud-Systeme.
Besonders interessant ist dabei Cinemos Ansatz, Inhalte und Dienste stärker zusammenzuführen. Bislang existieren Musik-, Podcast- und Videodienste meist in voneinander getrennten Ökosystemen. Nutzer springen permanent zwischen Apps, Logins und Benutzeroberflächen hin und her.
Cinemo will diese Fragmentierung aufbrechen. Die aus dem Automotive-Bereich gewonnene Erfahrung bei der Integration unterschiedlichster Medienquellen soll künftig auch im Wohnzimmer für ein deutlich einfacheres Nutzungserlebnis sorgen.
Cloud statt überladener Hardware
Dabei verfolgt Cinemo einen interessanten Ansatz: Die eigentliche Intelligenz liegt zunehmend in der Cloud und nicht mehr im Endgerät selbst. Streaming-Lautsprecher oder Home-Systeme benötigen dadurch weniger lokale Rechenleistung. Funktionen, Oberflächen und Inhalte werden zentral verwaltet und dynamisch aktualisiert.
Davon profitieren nicht nur Endkunden, sondern auch Hardware-Hersteller und Content-Anbieter. Änderungen an Benutzeroberflächen oder neue Funktionen lassen sich schnell ausrollen, ohne dass Nutzer neue Apps installieren oder komplizierte Firmware-Updates durchführen müssen.
Schon heute kooperieren laut Cinemo mehr als 20 Content-Provider mit den Karlsruhern. Gleichzeitig können OEM-Partner ihre Produkte je nach Markt flexibel an regionale Inhalte und Dienste anpassen.
Unsichtbar, aber enorm einflussreich
Cinemo ist eines jener Unternehmen, deren Name den meisten Verbrauchern kaum bekannt ist, obwohl ihre Technologien längst millionenfach genutzt werden. Gerade deshalb wirkte der Pressetag in Karlsruhe so spannend: Man bekommt einen seltenen Einblick in jene Software-Schicht, die moderne Unterhaltung im Auto und künftig vielleicht auch zuhause überhaupt erst möglich macht.
Und genau darin liegt vermutlich die größte Stärke der Karlsruher: Cinemo entwickelt keine sichtbaren Prestigeprodukte, sondern Infrastrukturen. Bisher unsichtbar für den Nutzer, aber entscheidend dafür, dass Musik, Filme und Inhalte heute möglichst nahtlos zwischen Fahrzeug, Smartphone und Zuhause funktionieren. Wenn alles nach Plan verläuft, dann wird der hidden Champion noch in diesem Jahr mit einer eigenen Smartphone App an die Öffentlichkeit treten, die diverse Dienste so bequem bündelt, dass man beispielsweise bei der Suche nach Medien-Inhalten in dieser einen App nach bestimmten Titeln quer durch all seine Dienste suchen kann. Wenn die Software dann hält, was die vorgeführte Beta-Version verspricht, wird das die Anonymität der Karlsruher schlagartig beenden. Wir bleiben dran am Thema.
Weitere Informationen: www.cinemo.com






