STEREO GUIDE Testurteil
Der Cayin RU9 ist ein mobiler USB-DAC und Kopfhörerverstärker mit echter Nutube-Röhrentechnik. Er bietet Dual-AK4493-DACs, HiRes-Support bis DSD512, Bluetooth 5.1 sowie 3,5- und 4,4-mm-Ausgänge. Besonders die Umschaltmöglichkeit zwischen Röhren- und Transistorklang sorgt für maßgeschneidertes Hörvergnügen auf audiophilem Niveau.
Vorteile
- Sehr weiträumiges Klangbild – besonders mit Röhrenschaltung
- Kräftige Aussgangsstufe
- Ledercase mit Magenthalterung im Lieferumfang enthalten
- 3,5- und 4,4-mm-Ausgänge
Nachteile
- Man möchte garantiert länger lauschen, als der Akku durchhält
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Klang9.8
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Praxis / Connectivity9.3
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Preis/Leistung9.5
Das HiFi-Klischee besagt, dass Röhrenverstärker für die traditionellste Gruppe der Musikliebhaber reserviert sind: Große Lautsprecher, Vintage-Plattenspieler, 50 Jahre HiFi-Historie und eine gewisse Verachtung für alles Digitale, so stellt man sich den typischen Röhrenhörer vor.
Stimmt natürlich nicht. Und mit dieser Geräteneuheit wird das Klischee endgültig auf den Kopf gestellt: Cayin, der Spezialist für recht traditionelle Heim-Röhrenverstärker, hat mit dem RU9 den Klang der Vakuumröhre in die mobile Welt gebracht. Der kompakte USB-D/A-Wandler und Kopfhörerverstärker im Format einer Zigarettenschachtel passt zu allen modernen Smartphones, Tablets und Laptops.
Im Betrieb verrät ein blaues Leuchten hinter zwei vergitterten Sichtfenstern auf der Oberseite die traditionelle Röhrentechnik. Die Nutube-Doppeltriode – je ein Element pro Kanal – arbeitet hier mit modernster Digitalverarbeitung und Hi-Res-Wandlung zusammen und richtet sich vor allem an Nutzer kabelgebundener Kopfhörer und hochwertiger IEMs.

Nutube 6P1 – echte Röhrenklangsignatur auf minimalem Raum
Herzstück des RU9 ist die in einer Kooperation von Korg und Noritake Itron Corp. konstruierte Nutube 6P1 Vakuumröhre. Dass diese Doppeltriode überhaupt noch im Digitalzeitalter entwickelt wurde, ist dem Bedarf aus der Musikindustrie geschuldet. Besonders E-Gitarristen lieben die warme, lebendige Klangsignatur, wenn man eine solche Röhre sanft in den Verzerrungsbreich treibt.
Das Besondere im Gegensatz zu traditionellen Röhren: es braucht weder eine stromhungrige Glühwendelheizung, noch Hunderte von Volt Spannungsfeld zwischen Kathode und Anode. Der Energiebedarf beträgt nur ein Fünfzigstel herkömmlicher Röhren. Und damit eignet sie sich auch für mobile Anwendungen, wie eben einen Dongle-DAC.
Trotz des begrenzten Platzes im Gehäuse hat Cayin es geschafft, in dieser 5. Generation ihrer mobilen Röhrenschaltung die Röhre stoßsicher über eine Federung zu implementieren und gleichzeitig das thermische Management im Griff zu behalten. Die für die Röhrenverstärkung zwingend notwendigen freien Elektronen im Vakuum werden von einer kleinen Flächenheizung in Halbleitertechnik erzeugt, die einem kleinen OLED-Display nicht unähnlich ist. Die Schaltung kommt ohne eine Über-Alles-Gegenkopplung aus und soll damit laut Hersteller besonders die natürlichen Klangaspekte der Röhre unterstützen.

Ausstattung und Technik: Dual-DAC, HiRes und flexible Ausgänge
Auf der digitalen Seite setzt Cayin auf zwei AKM AK4493s DAC-Chips im Dual-Mono-Aufbau. Diese Wandler sind für ihre hohe Auflösung und feine Dynamik bekannt. In Kombination mit der Röhrenstufe ergibt sich ein hybrides Konzept: maximale Präzision bei der Wandlung, kombiniert mit dem organischen, leicht gesättigten Klangcharakter einer Röhre.
Bei Hi-Res-Dateien geht der RU9 in die Vollen: Über USB-C lassen sich PCM-Datenströme bis zu 768 kHz und 32 Bit zuspielen, DSD geht bis 512, was der 8fachen Auflösung der SACD entspricht.
Der RU9 gibt sich vielseitig: Neben einem asymmetrischen 3,5-mm-Ausgang steht ein symmetrischer 4,4-mm-Pentaconn-Anschluss zur Verfügung. Damit lassen sich auch anspruchsvollere Kopfhörer mit hoher Leistungsanforderung betreiben. Ein Highlight ist die Möglichkeit, per Knopfdruck zwischen Röhren- und Transistormodus umzuschalten. Nutzer haben also die Wahl zwischen klassischem, warmem Klang und neutraler, analytischer Wiedergabe.
Auch eingangsseitig ein sehr flexibler mobiler Röhren-DAC
Über USB-C wird UAC1.0 und UAC2.0 unterstützt, damit läuft der RU9 an den allermeisten Devices mit oder ohne Treiber. Über den etwas versteckten 3,5-mm-Eingang gibt es auch einen zusätzlichen S/PDIF-Eingang, den man im Menu anwählen muss, falls man mal einen CD-Transport oder ähnliches über den RU9 hören möchte. Die manuelle Auswahl gilt auch für das kabellose Bluetooth 5.1 mit LDAC, aptX HD und AAC. Damit lässt sich der kleine DAC nicht nur kabelgebunden, sondern auch drahtlos mit verschiedenen Geräten in der höchsten jeweils möglichen Qualität nutzen – von Smartphones über Laptops bis hin zu Spiele-Konsolen.
Dazu gesellen sich drei Klangprofile („Klassisch“, „Modern“, „Solid State“), die feiner abgestufte Optionen für verschiedene Hörgewohnheiten bieten. Die beiden Röhrenbetriebsarbeiten unterscheiden sich vor allem dadurch, dass bei „Klassisch“ die Gegenkopplung auf ein lokales Minimum pro Verstärkerstufe reduziert wird, was etwas höhere Verzerrungswerte, aber eine in der Theorie her natürlichere Verstärkung bringt, während die „Modern“-Abstimmung auf geringste Verzerrungen der Röhre hin optimiert ist. Bei letztgenannter Betriebsart wird die interne Röhre umgangen und nur mit transistorierten Operationsverstärkern gearbeitet.

Praxis: Bedienung, Menüführung und Alltagstauglichkeit
Das Display auf der Front informiert recht übersichtlich über Lautstärke, Eingangsmodus, Abtastrate und Akkustand. Bedient wird der RU9 über eine Kombination aus seitlichen Tasten und einer sauber laufenden Lautstärkewalze, die eine sehr feine Abstimmung erlaubt.
Mit 10 × 7 × 1,5 cm und nur 150 Gramm Gewicht bleibt der RU9 transportfreundlich. Am Smartphone oder der Hülle desselbigen kann man ihn magnetisch befestigen, das fanden wir allerdings schon fast ein wenig zu dick für die Jackentasche.
Das Gehäuse ist aus CNC-gefrästem Metall gefertigt und vermittelt einen hochwertigen Eindruck. Der integrierte 2000-mAh-Akku erlaubt bis zu fünf Stunden Hörgenuss, unabhängig vom Quellgerät, und lädt über den zweiten USB-C Anschluss auch während des Betriebs noch nach, wenn man ein zweites Kabel anschließt

Klangtest: Cayin RU9 an IEMs und Over-Ear-Kopfhörern
In der ersten Testrunde haben wir den Cayin vor allem an IEM, also kabelgebundenen In-Ear-Monitoren betrieben: Sennheiser IE 900, Beyerdynamic Xelento 2 und Final B3 sind unsere Referenzen in diesem Segment.
Dem Betrieb an dem ziemlich wirkungsgradstarken Sennheiser galt hier besondere Aufmerksamkeit. Und gerade bei dem zeigte sich der RU9 als Idealbesetzung. Besonders dynamische Schattierung im Pianobereich waren über die Kombination im Röhren-Modus ein wahrer High-End-Genuss, hier spielte der IE 900 seine Detailauflösung und der RU9 seine Klangwärme voll aus. Je lauter man hörte, desto mehr hörten wir den Sennheiser so druckvoll, dynamisch und auf die Enden des Spektrums fokussiert., wie wir ihn gewohnt waren. Mit der einzigen Ausnahme, dass der Cayin allzu scharf aufgenommenen Aufnahmen den Schrecken nahm und sie zwar nicht weichzeichnete, aber etwas seidiger darstellte als gewohnt.
Röhrenmodus vs. Transistor – zwei Charaktere, ein Gerät
Am High-End-Over-Ear Beyerdynamic T5p und Final war der Cayin erst recht in seinem Element. Er überzeugte durch ein enorm weiträumige Hörgefühl, das alle begrüßen dürften, die der Enge üblicher Kopfhörer-Klangwelten entfliehen möchten. Das galt besonders in Verbindung mit dem Röhren-Modus, der dem Klang noch etwas mehr Geschmeidigkeit und mehr Raumgefühl verlieh.

Überraschungskombi: RU9 mit Fosi Audio i5 im Test
Man fragt sich: Lässt sich das noch steigern? Und überraschenderweise fand ich durch meine Neugier eine Antwort: Der Fosi Audio i5 – ein Over-Ear mit planarmagnetischen Schallwandlern – erwies sich als regelrechter Traumpartner für denn Cayin RU9. Eigentlich war dieser für einen Test auf STEREO GUIDE vorgesehene offene Kopfhörer der Klasse bis 600 Euro noch gar nicht an der Reihe. Aber ich konnte einfach nicht widerstehen und war begeistert.
Besonders gut an dieser mobilen HiFi-Anlage gefielen mir das für Kopfhörer-Verhältnisse äußerst weiträumige Hörgefühl, die feine Auflösung im Mittel-Hochtonbereich ohne Schärfe und das hohe Differenzierungsvermögen. Mit der Kombination aus RU9 und i5 konnte man bei Songs, von denen ich verschiedene Live-Versionen habe – etwa „Thunder Road” von Bruce Springsteen oder „Country Feedback” von R.E.M. –, die unterschiedliche Akustik der Konzerthäuser besser als üblich heraushören. Dabei hatte ich das Gefühl, dass trotz überraschend subtiler Unterschiede zwischen Transistor- und Röhren-Timbre letzteres für eine dichtere, authentischere Atmosphäre sorgte.
Fazit und Alternativen
Der Cayin RU9 hat im Segment der mobilen Dongle-DACs eine Menge Konkurrenz, aber er hat ein unschlagbares Alleinstellungsmerkmal: Seinen Röhrensound. Damit positioniert sich der RU9 klar im gehobenen Segment, richtet sich aber an all jene, die Röhren-Feeling auch unterwegs nicht missen möchten.
Cayin RU9: Technische Daten
- Preisempfehlung des Herstellers: 598 Euro
- Bauart: Mobiler Kopfhörer-DAC mit Röhrenschaltung
- Abmessungen (B x H x T): 10 x 15 x 1,5 cm
- Gewicht: 150 g
- Besonderheiten: Transistor- und Röhren-Verstärkung USB-Eingang, S/PDIF-Eingang, Bluetooth mit LDAC, AAC und Apt-X HD
- Mehr unter: cayin.com




