Mit dem Jazz 70 bringt Cayin einen vergleichsweise erschwinglichen Röhren-Vollverstärker in den deutschen Handel. Vier EL34-Endröhren liefern wahlweise 2 x 17 oder 2 x 35 Watt. Bluetooth 5.1 mit LDAC und aptX HD, ein Kopfhörerausgang und die mitgelieferte Fernbedienung sollen klassische Röhrentechnik alltagstauglich machen.
Röhrenverstärker gelten unter HiFi-Fans als klanglich reizvoll, verlangen ihren Besitzern aber häufig Zugeständnisse ab. Oft mangelt es an Leistung, Komfort oder zeitgemäßen Anschlussmöglichkeiten – bisweilen auch an einem halbwegs bodenständigen Preis. Der neue Cayin Jazz 70 soll diese Hürden zumindest teilweise abbauen.
Mit 1.598 Euro ist er zwar kein Schnäppchen im allgemeinen Verstärkervergleich. Innerhalb der Welt handgefertigter Röhren-Vollverstärker markiert der Jazz 70 jedoch einen vergleichsweise günstigen Einstieg.
Sieben Röhren in Gegentaktschaltung
In der Vorstufe arbeiten drei Doppeltrioden vom Typ 12AU7 beziehungsweise ECC82. Die Class-AB1-Gegentaktendstufe setzt auf vier selektierte EL34-Röhren. Cayin verdrahtet die Schaltung klassisch Punkt zu Punkt und kombiniert sie mit einem handgefertigten Ringkern-Netztransformator sowie breitbandigen EI-Ausgangsübertragern.
Separate Lautsprecherklemmen für 4 und 8 Ohm sollen eine möglichst gute Anpassung an unterschiedliche Boxen ermöglichen. Ganz zaubern kann allerdings auch Cayin nicht: 35 Röhrenwatt sind durchaus praxisgerecht, besonders leistungshungrige oder wirkungsgradschwache Lautsprecher bleiben aber auch für den Jazz 70 eine Herausforderung.
Der Verstärker fällt mit 30 Zentimetern Breite kompakter aus als die üblichen HiFi-Komponenten im 43-Zentimeter-Format. Mit einer Tiefe von 33,8 Zentimetern, einer Höhe von 19 Zentimetern und einem Gewicht von 15,6 Kilogramm ist er dennoch alles andere als ein Leichtgewicht.
Zwischen Triode und Ultralinear
Über einen Schalter auf der Oberseite lässt sich die Arbeitsweise der Endröhren verändern. Im Ultralinear-Modus stellt der Cayin zweimal 35 Watt bereit. Diese Betriebsart soll mehr Dynamik, Kontrolle und Leistungsreserven bieten.
Im Triodenmodus sinkt die Ausgangsleistung auf zweimal 17 Watt. Dafür verspricht Cayin eine feinere, geschmeidigere und intimere Wiedergabe. Der Jazz 70 bietet somit nicht nur zwei Leistungsstufen, sondern zwei unterschiedliche Klangcharaktere für verschiedene Lautsprecher, Musikrichtungen und persönliche Vorlieben.
Experimentierfreudige Röhrenfans können zudem Tube Rolling betreiben. Cayin nennt neben der serienmäßigen EL34 auch kompatible Typen wie 6CA7, 6L6 und 5881. Nach einem Röhrenwechsel lässt sich die Vorspannung für jede Endröhre separat justieren.


Zwei VU-Meter mit Doppelfunktion
Die beiden beleuchteten Zeigerinstrumente auf der Front dienen nicht allein der standesgemäßen Röhrenverstärker-Optik. Im normalen Betrieb zeigen sie die Aussteuerung der beiden Kanäle an. Darüber hinaus helfen sie bei der Kontrolle und Einstellung des Ruhestroms – des sogenannten Bias – der vier Endröhren.
Ein abnehmbares Metallgitter zum Schutz der heißen Glaskolben gehört zum Lieferumfang. Damit empfiehlt sich der Jazz 70 auch für Haushalte, in denen neugierige Kinder oder Haustiere den Röhren näher kommen könnten, als dem Besitzer lieb ist.
Die Lautstärke regelt ein motorisiertes Alps-Potentiometer. Dadurch kann sie nicht nur direkt am Verstärker, sondern auch mit der mitgelieferten Fernbedienung verändert werden.
Bluetooth 5.1 mit ESS-DAC
Seinen modernen Gegenpol zur klassischen Verstärkerschaltung bildet der integrierte Bluetooth-Empfänger. Cayin verwendet einen Qualcomm-QCC5125-Chipsatz und überlässt die Digital-Analog-Wandlung einem ESS ES9018K2M.
Neben dem Standard-Codec SBC unterstützt der Jazz 70 AAC, aptX, aptX Low Latency, aptX HD und LDAC. Besitzer eines kompatiblen Android-Smartphones können Musik damit in höherer Datenrate übertragen. Apple-Geräte beschränken sich wie üblich auf AAC.
Aus einem Röhrenverstärker wird dadurch allerdings noch kein Netzwerkplayer. WLAN, AirPlay, Google Cast oder eine Streaming-App gehören nicht zum Konzept. Auch USB, HDMI sowie koaxiale oder optische Digitaleingänge fehlen. Wer mehr als Bluetooth benötigt, muss einen externen Streamer oder D/A-Wandler anschließen.
Drei analoge Eingänge, aber kein Phono
Für konventionelle Zuspieler besitzt der Jazz 70 drei Stereo-Cinch-Eingänge. Ein Plattenspieler lässt sich daran nur über eine externe Phono-Vorstufe betreiben. Angesichts der analogen Zielgruppe wäre ein integrierter MM-Eingang durchaus naheliegend gewesen.
Auf der Front befindet sich außerdem eine 6,3-Millimeter-Klinkenbuchse. Der Kopfhörerausgang ist laut Cayin für Modelle mit Impedanzen zwischen 16 und 300 Ohm ausgelegt.
Der angegebene Frequenzgang reicht von 8 Hertz bis 60 Kilohertz bei einem Abfall von 3 Dezibel. Cayin beziffert den A-bewerteten Signal-Rausch-Abstand mit 100 Dezibel und die maximale Leistungsaufnahme mit 240 Watt.
Preis und Verfügbarkeit
Der Cayin Jazz 70 ist ab sofort mit schwarzer oder silberner Front erhältlich. Die unverbindliche Preisempfehlung beträgt in beiden Ausführungen 1.598 Euro inklusive Mehrwertsteuer.
Damit trifft traditionelle Röhrentechnik auf genau so viel Moderne, wie für einen komfortablen Alltag notwendig erscheint. Besonders die Kombination aus umschaltbarer Endstufe, hochwertigem Bluetooth-Empfänger, Kopfhörerausgang und Fernbedienung hebt den Jazz 70 von vielen puristischeren Einsteigermodellen ab. Ob er dabei tatsächlich mit feinen Triodenklängen jazzt oder im Ultralinear-Modus lieber rockt, müsste ein Hörtest klären.
Weitere Informationen bietet die offizielle Produktseite des Cayin Jazz 70.






