Das Klangschloss Greifensee wird 20 – und bleibt sich dennoch treu. Auch im Jubiläumsjahr zeigt die Schweizer Veranstaltung, warum sie im dicht gedrängten HiFi-Kalender eine Sonderrolle einnimmt. Statt immer größer, lauter und spektakulärer zu werden, setzt man hier konsequent auf Ruhe, Konzentration und echte Hörerlebnisse. Gleichzeitig sorgen neue Ideen für frische Impulse.
Wer das Klangschloss kennt, weiß: Diese Messe funktioniert anders. Historische Räume im Schloss und im benachbarten Landenberghaus ersetzen sterile Hotelzimmer, knarzende Dielen und verwinkelte Flure schaffen Atmosphäre statt Messebetrieb. Das Ergebnis ist eine fast entschleunigte Form des Hörens. Viele Aussteller sind seit Jahren dabei und haben ihre Räume fest etabliert. Genau das sorgt für Kontinuität – und macht Veränderungen umso spannender.
Denn trotz aller Verlässlichkeit gibt es auch 2026 Neues zu entdecken. Die auffälligste Erweiterung ist das sogenannte „Blind Date“. In einem separaten Raum steht ein Lautsprecher anonymisiert zur Hörprobe bereit. Ohne Markenhinweis, ohne Preisangabe. Besucher sollen einschätzen, womit sie es zu tun haben: Größe, Alter, Preisklasse. Das Konzept ist simpel, aber wirkungsvoll. Es zwingt dazu, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Klang. Und es zeigt, wie stark Erwartungen unser Hören normalerweise beeinflussen.
Legendäre Landenberg-Sessions
Die Landenberg Sessions, auf gezeichnet mit der legendären Jecklin-Scheibe im puristischen 2-Kanal-Verfahren, waren wieder das absolute Highlight. Von oben: Die Bündner Singer-/Songwriteri Martina Linn mit ihren Begleitmusikern Clemens Kuratle, (Perkussion) und Rafael Jerjen (Bass). Marcela Arroyo (unten) mit einer Mischung aus argentinischer Musik, Jazz und Folk wurde begleitet von Gitarrist Quique Sinesi und Akkordeonistin Patricia Draeger (nicht im Bild). (Fotos: Stefan Schickedanz)
Ein zentrales Element bleibt das Session-Format. Die Landenberg-Sessions gehören längst zum Kern der Veranstaltung und verbinden Live-Musik mit hochwertiger Aufnahme- und Wiedergabetechnik. 2026 stehen unter anderem Stefanie Boltz, Martina Linn und Marcela Arroyo auf der Bühne. Die Konzerte werden direkt im straight2tape-Verfahren mitgeschnitten und noch am selben Tag als HiRes-Stream in andere Vorführräume übertragen. Damit verfolgt das Klangschloss Greifensee ein Konzept, das in dieser Konsequenz selten ist.
Besonders eindrucksvoll wird dieser Vergleich im Anschluss an die Konzerte: Aufnahmeleiter Ralph Zünd präsentiert die frisch aufgezeichneten Stücke im Konzertsaal über ein Referenzsystem in Form der Cabasse La Sphère EVO. Hier lässt sich sehr direkt nachvollziehen, wie nah moderne High-End-Anlagen an das Live-Erlebnis heranreichen – und wo die Unterschiede liegen.
Hochkarätige Vorträge
Auch abseits der Vorführräume bleibt das Klangschloss vielseitig. Die AAA-Schallplattenbörse im Landenberghaus ist ein fester Anlaufpunkt für Vinyl-Sammler, während das Analog-Bistro Raum für Gespräche bietet. Ergänzt wird das Programm durch Vorträge im nahegelegenen Kirchgemeindehaus. Inhaltlich reicht das von klassischen BBC-Lautsprecherkonzepten über zeitrichtige Wiedergabe bis hin zu musikhistorischen Themen.
Der aus Deuschland stammende, aber durch AUDIO Swiss auch in der Schweiz bekannte HiFi- und Musik-Journalist Lothar Brandt war im Gemeindehaus beim Vinyl-Vortrag wieder sichtlich in seinem Element. Er gab alles und begeisterte das Publkum durch einen – wie man auf den Fotos sieht – ausgesprochen lebendigen Vortrag. (Fotos: Stefan Schickedanz)
Was das Klangschloss auszeichnet, ist weniger die schiere Menge an Neuheiten als die Art der Präsentation. Hier geht es nicht um schnelle Eindrücke, sondern um bewusstes Hören. Weniger Vergleichsstress, mehr Konzentration. Genau das macht den Reiz aus, gerade für erfahrene HiFi-Enthusiasten, die nicht nur Geräte sehen, sondern Klang wirklich verstehen wollen.
Auch nach 20 Jahren bleibt das Konzept bemerkenswert konsequent. Das Klangschloss verändert sich behutsam, ohne seine Identität aufzugeben. Für Besucher bedeutet das: viel Vertrautes, aber immer genug Neues, um neugierig zu bleiben. Und die besten Momente entstehen nach wie vor dann, wenn man sich einfach Zeit nimmt und zuhört.
Die STEREO GUIDE Highlights der HiFi-Messe im Schloss
Eine perfekte Vorstellung lieferte die Standbox Wilson Sabrina an Elektronik von Dan D Agostino im Klangschloss, das in disem großen Raum seinem Namen mal wieder alle Ehre machte. (Foto: Stefan Schickedanz)Die von Martin Gateley in der Schweiz gefertigten Lautsprecher von Sound Kaos liefen an Elektronik von südkoreanischen Hersteller Enleum zur Hochform auf. Hier spielt die Standbox Vox 5, während die kompakte Vox 3 an der Seitenlinie auf ihren Auftritt wartet. (Foto: Stefan Schickedanz)Mit Nagra (Elektronik) und Stenheim (Lautsprecher) haben sich auf dem Klangschloss zwei legendäre Marken aus der Schweiz für eine hervorragende Vorführung zusammengefunden. Als der Autor in den Raum kam, hatte er das Gefühl, Harry Belafonte würde vor einem auf der Bühne stehen. Dabei handelte es sich um eine analoge Schallplatte, die Ende der 50er-Jahre in der New Yorker Carnegy Hall aufgenommen wurde. (Foto: Stefan Schickedanz)Markus Thoman, gründete mit dem Klangschloss in Greifensee bei Zürich eine kleine, feine HiFi-Messe der besonderen Art. Hier posiert er mit den Vinyl-Pressungen der Landenberg Sessions. (Foto: Stefan Schickedanz)Weiss-Engineering zeigte mit der LIVEBOX, ein Music-Center mit innovativer Crosstalk-Cancelling-Technologie und Room-Unterstützung. Der Firmengründer. Daniel Weiss, ist bekannt für professionelle Schweizer High-End-Audiotechnik. (Foto: Stefan Schickedanz)Die Boenicke Audio W5 sind Made in Basel und beschallten tapfer einen großen Saal im Obergeschoss von Schloss Greifensee. (Fotos: Stefan Schickedanz)Christof Faller (Illusonic) demonstriert die Vorteile von 3-Kanal-Stereo – ein Ansatz, der bereits in den späten 1950er-Jahren bei der Einführung der Stereofonie diskutiert wurde. Dank der langjährigen Entwicklungsarbeit von Illusonic gelingt ein natürlicher Upmix von zwei auf drei Kanäle, der die räumliche Abbildung deutlich stabilisiert und den klassischen Sweet Spot praktisch aufhebt. In Kombination mit dem neuen Lautsprecher Klangwerk VOCE entsteht so eine außergewöhnlich homogene und realistische Klangbühne, die unabhängig von der Hörposition überzeugt. (Foto: Stefan Schickedanz)Die Fink Team Episode 2 (außen) sorgte im Raum der Firma Sacom für Gänsehautmomente. (Foto: Stefan Schickedanz)Ein echtes Herzensprojekt von Harry Pawel (Pawel Acoustics) bleibt der EMT JPA 66 MK3, den viele Besucher bereits im vergangenen Jahr im Klangschloss erleben konnten. Der Röhren-Vorverstärker entstand in enger Zusammenarbeit mit seinem Bruder Markus und unter Mitwirkung von Jules Limon – gefertigt wird er bis heute in sorgfältiger Handarbeit in der eigenen Manufaktur in der Schweiz. (Foto: Stefan Schickedanz)Wie im letzten Jahr war Erich Meier war Stand an der „Kopfhörer-Küche“ vertreten. Zum Klangschloss 2025 brachte er eine verbesserte Version seiner Software Amoenus Axternus mit. Sie ermöglicht räumliche Klänge mit gewöhnlichen Kopfhörern. (Foto: Stefan Schickedanz)Dank Ruark Audio gab es im Treppenhaus auch erschwingliche, einteilige Musik-Systeme wie den R410 aus der Klasse für unter 1.500 Franken/Euro zu sehen. (Foto: Stefan Schickedanz)
Der Chefredakteur von STEREO GUIDE testet seit über drei Jahrzehnten als HiFi-Experte für Print- und Online-Magazine wie AUDIO, stereoplay, LowBeats oder FAZ Kaufkompass. Neben gepflegter Musikwiedergabe mag er schnelle Autos – gerne auch Oldtimer – mit sattem Sound. Über dieses Thema berichtet er ebenfalls regelmäßig, nicht zuletzt auf dieser Plattform.
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